Alexa Voß und ihr Religionsunterricht

Am 12.03.2017 feierten die 5-Klässler des Carl-Jacob-Burckhardt-Gymnasiums und ihre Religionslehrerin, Frau Alexa Voß, das fröhliche Purim-Fest in der gastfreundlichen Gesellschaft der Liberalen Jüdischen Gemeinde Bad Segeberg. An ihrem Gymnasium in Lübeck hatten die Schüler mit ihrer Lehrerin die Torarollen im Unterricht erstellt, die sie mit hebräischen Buchstaben, den Davidsternen und anderen hebräischen Symbolen sachkundig verzehrten. Und in der Gemeinde in Bad Segeberg konnten Kinder ihre Erzeugnisse stolz vorzeigen.

Um von diesem Gymnasialprojekt mehr zu erfahren, haben wir uns an seine Leiterin angewendet:

 

- Frau Voß, welche Fächer unterrichten Sie und wie sind Sie auf die Idee gekommen, Torarollen zu basteln mit den Kindern?

 

- Ich unterrichte seit Februar 2007 am Carl-Jacob-Burckhardt-Gymnasium in Lübeck, hauptsächlich Religion und Englisch, daneben auch die Fächer „Ethik“ im Wahlpflichtangebot (8./9. Klasse) und „Sozialer Unterricht“ (5./6. Klasse). Die Fachanforderungen für das Fach Religion sehen die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit nicht-christlichen Religionen (insbesondere mit dem Judentum und Islam) in jeder Jahrgangsstufe vor. Das Thema Judentum behandle ich immer in der 5. Klasse im Anschluss an das Thema „Leben und Umwelt Jesu“, wobei hier dem Judentum als Wurzel des Christentums eine große Bedeutung zukommt. Ziel meines Unterrichts ist es immer auch den Schülerinnen und Schülern jüdisches, christliches und muslimisches Leben, Feste und Feiern sowie Gebete und Bekenntnisse nahe zu bringen. Aus Erfahrung weiß ich, dass Schülerinnen und Schüler schneller einen Zugang zu Inhalten bekommen, wenn sie sich kreativ und in einem produktiven Schaffensprozess mit Dingen auseinandersetzen. Daher hatte ich die Idee, Torarollen selber basteln zu lassen.

 

- Welche Vorinformationen bekommen die Kinder?

 

- Bevor es an die eigentliche Arbeit an den Torarollen geht, lernen die Kinder etwas über Bedeutung, Geschichte und Aufbau der Tora sowie den Umgang mit der Tora (Toramantel, Jad, Rimonim, …). Desweiteren bekommen die Kinder einen kleinen Einblick in die Sprache der Tora, z.B. dürfen sie mit Hilfe eines (vereinfachten) hebräischen Alphabets ihren Namen und bestimmte Wörter (z.B. Tora, Bar Mizwa, Schabbat, …) auf Hebräisch schreiben. Das Sch’ma Israel wird vorab gelesen und mit dem Vaterunser, als wichtigstes christliches Gebet, verglichen.

 

- Welche Materialien benutzen Sie? Wie ist der Arbeitsprozess?

 

- Die Kinder werden über das Projekt informiert und müssen als Hausaufgabe zwei weiße A4-Blätter vorbereiten und mitbringen. Außerdem sollen sie zwei passende Stöcke suchen, hierbei eignen sich besonders einfache naturbelassene Stöcke aus dem Garten, da diese für ein ganz individuelles Aussehen der Torarollen sorgen. Einige Kinder bringen auch alte Kochlöffel aus Holz, Bambusstöcke oder Chinastäbchen mit. Zur Vorbereitung des Papiers legen die Kinder, oft mit Hilfe der Eltern, die Blätter einfach für eine Zeit in eine Schale mit Kaffee oder schwarzem Tee. Nach dem Trocknen entscheiden sich einige noch dazu, die Ränder des Papiers ein wenig mit Feuer zu „verschönern“.


Im Unterricht wird dann auf das erste Blatt ein Bücherregal mit den fünf Büchern Mose gezeichnet, auf das zweite Blatt schreiben die Kinder in Schönschrift das Sch’ma Israel.
Beim Kleben der Stöcke helfe ich den Kindern zunächst und dann helfen sie sich gegenseitig.
Zum Abschluss darf ihre Torarolle dann noch nach Herzenslust verziert werden. Häufige Motive sind der Davidstern, die Menora oder hebräische Buchstaben/Wörter. 

 

- Welche Wirkung hat die Arbeit auf die Kinder? Was sagen die Eltern dazu?

 

- Alle Kinder arbeiten gerne an dieser Aufgabe. Es ist besonders interessant, dass auch leistungsschwächere Schüler oder Schüler mit deutlichen Konzentrationsschwierigkeiten oft sehr gewissenhaft arbeiten und sich große Mühe geben. Einige sind sogar so begeistert, dass sie zu Hause freiwillig noch einen Toramantel und einen Torazeiger nähen/basteln. Die Eltern scheinen diese Aufgabe zu unterstützen, was sich darin zeigt, dass sie ihre Kinder zum Beispiel bei der Vorbereitung der Blätter oder beim Nähen/Basteln eines Toramantels unterstützen. Die positive Resonanz zeigte sich in dieser Klasse besonders in der hohen Bereitschaft die Schüler und mich an einem Sonntag zum Purimfest nach Bad Segeberg zu begleiten. Ich musste auslosen, da ich nicht sieben Mütter und/oder Väter mitnehmen konnte.

 

- Wie bewerten Sie die Arbeit, wenn sie abgeschlossen ist? Erfahrungen, Bewertung?

 

- Zunächst bringen alle Kinder ihre Torarollen mit. Sie werden im Klassenzimmer ausgestellt, von allen betrachtet und fotografiert. Die Schüler dürfen dann selber einige Rollen hervorheben, die ihnen besonders gut gefallen.


Ich bewerte bei diesem Projekt sowohl den Arbeitsprozess, d.h. wie viel Mühe hat sich der/die Schüler/in gegeben und wie konzentriert hat er/sie gearbeitet. Desweiteren sammle ich alle Rollen ein und bewerte auch das Ergebnis. Normalerweise sind die Ergebnisse alle im guten und sehr guten Bereich.

Aufgrund der durchweg positiven Resonanz werde ich dieses Projekt in jedem Falle weiterführen. Ich denke, dass es den Schülern die Möglichkeit gibt, sich ganz individuell und kreativ mit einem zentralen Element einer Religion, die oftmals nicht ihre eigene ist, zu beschäftigen. Außerdem bekommen die Kinder durch ihre Arbeit ein Gefühl für die Bedeutung dieser Schriftrolle.