Inna Voskobojnik

Eine jüdische Zeitzeugin berichtet

Vor der Schoa
Inna kam 1925 in der West-Ukraine zur Welt. Rückblickend beschreibt sie sich als ein glückliches Einzelkind. Der Vater war Großhandelskaufmann, und das Mädchen wuchs in einer wohlhaben­den Familie in einem Stetl bei der Großstadt Winniza namens Bar, wo 60% Bewohner jüdisch waren.

 

Westukraine zur Kriegszeit: historische Informationen

Während der Shoa

Inna war 15, als die deutsche Wehrmacht am 16. Juli 1941 ohne Widerstand ihr Stetl besetzte. Wilhelm Schwarzer, ein gepflegter SS-Mann Mitte dreißig, wurde für die regionale Führung als Gebietskommissar zuständig. Es entstanden sofort administrative Maßnahmen gegen Juden. Über Flugblätter wurden die antijüdischen Gesetze bekannt gemacht. Alle Juden in Bar wurden auf drei Ghettos  verteilt. Sie wurden verpflichtet, einen Judenstern zu tragen. Das Ghetto war mit Stacheldraht umringt. Seinen Bewohnern wurde Schmuck, Bettwäsche, Bekleidung u. Ä. weggenommen. Auch Inna wurde ihr Fahrrad weggenommen. Die Juden arbeiteten z. B. als Hausangestellte für die Besatzer, welche über die Art der Arbeit im Ghetto bestimmten.

Inna arbeitete außerhalb des Ghettos in einer Zuckerfabrik und war froh, außerhalb des Ghettos zu arbeiten, wo der psychische Druck unerträglich war. Dort musste sie große Rohre putzen, Kohle, Torf und Ziegelsteine von Zügen umladen. Die Bescheinigung über diese Arbeit rettete ihr dann das Leben.

Am 19. August 1942 wurde Inna samt ihrer Eltern und anderen Ghettobewohner von den Uniformierten mit Hunden umzingelt aus der Stadt hinaus zum Stadion hinter dem jüdischen Friedhof geführt.

Bei der Selektion am Ort gerit Innas Vater in die Gruppe der Arbeiter (die sofort weg geführt wurde), ihre Mutter in die Gruppe gesunder und kräftiger Erwachsenen, und Inna selbst in die Jugendgruppe. Aber die Mutter wollte Inna an sich behalten, und so wechselte die 15-jährige Inna unauffällig zu der Gruppe von Mutter.

Auf dem Stadion wurden dann nach und nach Menschen erschossen. Doch die Gruppe mit Inna und ihrer Mutter sollte sich wegdrehen, um nicht die Erschießungen sehen zu können. Erst dann wurde allen klar, was ihnen bevorsteht. Und Innas Mutter wurde untröstlich, dass sie ihre Tochter mit sich zog. Plötzlich erschien der Gebietskommissar auf einem Pferd. Eine Mutter mit kleinen Kindern kniete vor ihm nieder und flehte Jiddisch an, ihre Kinder zu schonen. Alle flehten um Gnade, Innas Mutter auch. Sie zeigte Wilhelm Schwarzer ein Arbeitszeugnis (Schutzdokumente) für ihre Tochter.

Inna durfte weg. Mutter musste bleiben.

Inna kehrt mit Schwarzer und sechs anderen Kindern ins Ghetto zurück. Auf dem Weg hält er  bei dem Stadtbrunnen an, um Kinder trinken zu lassen...

Am 10. Oktober 1942 hilft ein ukrainischer Freund Inna und ihrem Vater samt noch fünf anderen Menschen, in der Nacht einen Fluss nach Transnistrien zu überqueren. Dort war der Umgang mit Juden gemäßigter.

Und am 21. März 1944 kam die Befreiung durch die Rote Armee. Inna kehrte zurück nach Bar, aber fand dort nur Asche und Ruinen. 18 ihrer Familienmitglieder waren tot, denn am 15. Oktober 1944 fand in Bar ein zweites Pogrom statt.

 

Über ihre Tragödie sagte Inna 1963 als Zeugin in einem KGB-Prozess aus. Erst danach begann sie, ihre Kriegserlebnisse langsam aufzuarbeiten.

1995 zog Inna Voskobojnik als Kontingentflüchtling nach Lübeck. Hier lebt sie mit ihrer Tochter bis heute.